Klassische Familienaufstellung vs. Neues Familienstellen

Bei beiden Vorgehensweisen geht es darum, das System eines Klienten durch Stellvertreter im realen Raum zu visualisieren. Die Stellvertreter stehen dabei repräsentativ für Mitglieder einer Familie, eines Unternehmens oder einer anderen Gruppe (teilweise auch für abstrakte Entitäten). Es wird kein Schuldiger gesucht, und es gibt kein Gut und Böse am Ende, weil die innere Liebe, die zu einem Verhalten führte, deutlich wird. Mit dieser Methode erkennen wir, dass es kein Gut und Böse, kein Richtig und Falsch und keine verrückten oder kranken Menschen gibt. Die Bewegung der Liebe zwischen Menschen wird sichtbar und auf einmal wird auch das Verhalten verständlich.

Bert Hellinger fand heraus, dass die Stellvertreter sich nicht wie bei einem Rollenspiel wie Figuren verhalten, sondern die Gefühle der echten Personen tatsächlich spüren und auf diese Weise während einer Aufstellung zum Ausdruck bringen. Der Vorteil zur realen Person besteht darin, dass ein Stellvertreter alle Befürchtungen vor Konsequenzen sowie jede Befangenheit im System weglassen kann, sodass eine tiefere innere Bewegung der Person sichtbar wird. Zudem fand Hellinger heraus, dass viele innere Belastungen von anderen Personen aus der Familien, teilweise mehrere Generationen zurückliegend, stammen und übernommene Gefühle sind. Die Familienaufstellung ist daher nahezu das einzige Werkzeug, um den Ursprung eines solchen Gefühls sichtbar zu machen und nachhaltig zu lösen.

Die Methode gibt kein Heilversprechen. Was der Klient mit dem neuen Einblick in seine Problematik macht, liegt ganz in seiner Verantwortung. Wird die neue Haltung und die neue Perspektive vom Klienten verinnerlicht, wirkt sie in der ganzen Familie – also auch auf die, die nicht anwesend waren – und setzt neue Kraft für die Lösung frei.

Ablauf der klassischen Familienaufstellung

In der klassischen Familienaufstellung werden Stellvertreter ausgewählt und meist durch den Klienten im Raum aufgestellt. Die Stellvertreter dürfen sich zwar bewegen, warten aber in der Regel auf Impulse vom Aufstellungsleiter. Der Aufstellungsleiter geht dann zu jedem Stellvertreter und befragt diesen nach seinem aktuellen Gefühlszustand. Dieser wird insbesondere durch eine Veränderung der Position der anderen Stellvertreter deutlich. Der Aufstellungsleiter stellt oft die Frage: “Geht es Dir besser oder schlechter, wenn xy nun dort steht?”

Durch das Verstellen der Stellvertreter entsteht langsam ein neues Bild. Und durch die Befragung der Stellvertreter erhält der Aufstellungsleiter eine Idee, wie dieses “gute” Bild aussehen sollte. Zugleich nutzt der Aufstellungsleiter sein Wissen und seine Erfahrung, um das Bild bis zu einem gesunden Zielbild zu lenken. Dabei können weitere Stellvertreter zur Vervollständigung des Bildes aufgestellt werden. Im Verlauf der Aufstellung bittet der Aufstellungsleiter einzelne Stellvertreter anderen Stellvertretern ausgewählte Sätze zu sagen, um eine neue Haltung (bspw. Dankbarkeit oder Demut) zum Ausdruck zu bringen und so zur Lösung eines Konflikts beizutragen. Am Ende wird der Klient für seine Position eingewechselt, um bestimmte Sätze selbst zu sagen sowie die neue Haltung zu spüren und zu verinnerlichen. Das Ergebnis sollte sein, dass sich der Klient erleichtert und freier fühlt.

Aus der klassischen Familienaufstellung entwickelte insbesondere Matthias Varga von Kibéd die systemische Strukturaufstellung. Grundlage hier ist, dass nicht Systeme, sondern Strukturen aufgestellt werden. Diese Art der systemischen Aufstellung ist gerade für analytische Menschen angenehm, weil sie klaren Vorgaben und Abläufen folgt. Die Aufstellungen zeichnen sich dadurch aus, dass sehr oft abstrakte Entitäten (z.B. das Ziel, das Unbekannte, das Unausgesprochene etc.) durch einen Stellvertreter aufgestellt werden.

Ablauf des neuen Familienstellens

Die Voraussetzung für das neue geistige Familienstellen ist ein sehr hohes Einfühlungsvermögen vom Aufstellungsleiter in den Klienten, ohne dessen Leid auf sich zu nehmen. Zugleich erfordert es, dass der Aufstellungsleiter in der Lage ist, sich komplett frei von Vorannahmen zu machen und ganz seiner inneren Wahrnehmung zu folgen. Der Aufstellungsleiter benötigt zudem ein hohes Maß an Bewusstsein, um die feinen Nuancen der Körpersprache des Klienten und der Stellvertreter zu erkennen. Bei diesem Format ist das oberste Ziel, den Klienten in seiner Eigenverantwortung zu unterstützen. Der Aufstellungsleiter heilt niemanden, sondern erweitert nur den Blick des Klienten, damit dieser den Prozess eigenständig weitergehen kann.

Es gibt zwei Vorgehensweisen:

  1. Der Aufstellungsleiter hat sofort einen Satz oder ein Bild in seiner Wahrnehmung, welche er dem Klienten mitteilt und aussprechen lässt. Dieser Satz ist so prägnant, dass er sofort eine tiefe Wirkung im Klienten entfaltet. Oftmals ist die Aufstellung danach direkt beendet. Dabei erhält der Aufstellungsleiter keine weiteren Informationen vom Klienten. Dennoch bestätigt jeder Klient, dass der Satz exakt passte und ihn voranbrachte.
  2. Der Aufstellungsleiter bittet den Klienten um einen zusammenfassenden Satz zum Anliegen oder hat direkt einen Impuls, worum es geht. Daraufhin stellt er in der Regel erstmal einen Stellvertreter für den Klienten in den Raum. Er bittet den Stellvertreter, ausschließlich der inneren Wahrnehmung zu folgen. Oftmals wissen die Stellvertreter hierbei nicht, für wen oder was sie stellvertretend stehen. Der Stellvertreter folgt der inneren Bewegung und bewegt sich im Raum, legt sich bspw. auf den Boden oder nimmt eine Körperhaltung passend zu seinem Gefühl ein. Der Aufstellungsleiter stellt nun weitere Stellvertreter im Raum auf, die hilfreich zur Bearbeitung des Konflikts sind. Auch hierbei wissen die weiteren Stellvertreter meist nicht, wen sie repräsentieren. Die Stellvertreter bewegen sich im Raum und drücken durch ihre Körpersprache die Beziehung zu den anderen vertretenen Personen aus. Der Aufstellungsleiter beobachtet die Stellvertreter und greift nur ein, wenn er merkt, dass bestimmte Sätze für eine neue innere Haltung hilfreich sind. Diese lässt er ausgewählte Stellvertreter aussprechen, um die Konfliktlösung zu unterstützen. Zum Schluss wird der Klient selbst auf seine Position gestellt.

Die Unterschiede

Eine Familienaufstellung jeglicher Vorgehensweise bringt immer neue Erkenntnisse, weil sie es ermöglicht, die Situation von außen zu betrachten. Der wesentliche Unterschied ist jedoch, dass das Ergebnis der klassischen Familienaufstellung immens von den Stellvertretern und deren Erfahrung abhängt. Da die Stellvertreter in der klassischen Familienaufstellung oftmals Laien sind, warten sie auf Bewegungsimpulse des Aufstellungsleiters. Sie folgen also nicht der inneren Bewegung, sondern den Anweisungen eines Dritten. Dies kann das Ergebnis je nach Erfahrungsschatz des Aufstellungsleiters und der Stellvertreter sehr verfälschen. Durch die Befragung der Stellvertreter befinden sich diese permanent auf Ebene des Verstandes. Sie überlegen die ganze Zeit: “Was fühle ich jetzt?”. Wenn sie dann dazu Stellung nehmen sollen, durchläuft diese Überlegung den Filter ihrer Ausdrucksweise und Interpretation, die wiederum einen Einfluss auf die anderen Stellvertreter haben. Geübte Stellvertreter mögen sich mehr und mehr von ihrer eigenen Interpretation frei machen können. Doch in den gewöhnlichen Seminaren haben wir nur selten Profis zugegen. Die Stellvertreter geben daher sehr viel von ihren eigenen Gedanken und Interpretationen mit ins Geschehen.

Das neue geistige Familienstellen erfordert wiederum vom Aufstellungsleiter einen sehr langen inneren Wachstumsprozess mit der Methode, seinen eigenen Themen und des Bewusstseins, um sich komplett frei von jedem Vorurteil, gesellschaftlicher Norm, der Vorstellung von Gut und Böse sowie dem bisher Gelernten zu machen. Bei dieser Vorgehensweise muss der Aufstellungsleiter ein extrem geschultes Auge für die Körpersprache der Teilnehmer, Vertrauen in die Stellvertreter und deren innere Führung sowie seine eigenen inneren Impulse haben. Die deutlich höheren Anforderungen an den Aufstellungsleiter ermöglichen es jedoch, dass sogar Kinder ohne jegliche Erfahrung als Stellvertreter fungieren können. Die Stellvertreter erhalten nur die Anweisung, der inneren Bewegung zu folgen, ohne diese zu beurteilen. Auf diese Weise gelangt eine solche Aufstellung in kürzester Zeit auf eine deutlich tiefere Ebene unabhängig des Verstandes.

Zusammengefasst das Neue geistige Familienstellen vs. klassische Familienaufstellung:

  1. Da die Stellvertreter gar nicht oder nur selten nach ihrer Gefühlslage befragt werden, ist die Methode unabhängig von der Erfahrung, der Interpretation und Ausdrucksweise der Stellvertreter.
  2. Der Aufstellungsleiter greift kaum in den Prozess ein und nimmt daher weniger Einfluss auf den Prozess.
  3. Es werden deutlich weniger Stellvertreter im Raum aufgestellt, wodurch der Prozess vertieft wird, da das Wesentliche deutlicher ist.
  4. Für Neueinsteiger als Zuschauer ist das neue geistige Familienstellen deutlich weniger nachvollziehbar. Der Klient erhält jedoch ein sehr viel tieferes Lösungsbild, das in ihm wirken kann, auch wenn er zuvor noch nie eine Aufstellung gemacht hat.
  5. Der Aufstellungsleiter kann keine Abläufe oder Vorgehensweisen auswendig lernen. Die Anforderungen an den Aufstellungsleiter sind daher deutlich höher und erfordern viele Jahre Praxiserfahrung unabhängig von einer Ausbildung.
  6. Der Klient gibt nahezu keine persönlichen Informationen preis. Die Privatsphäre wird also besonders geschützt.
  7. Beim geistigen Familienstellen steht die innere Bewegung im Fokus und nicht der Verstand. Auch wenn der Aufstellungsleiter aufgrund der Beschreibung des Klienten eine Idee hat, kann diese durch die Bewegung und Interaktion der Stellvertreter bestätigt oder widerlegt werden. Das Ergebnis ist also komplett offen seitens aller Beteiligter. Das ist der wesentliche Unterschied zu allen therapeutischen Methoden, die ein klares Ziel vor Augen haben und sich anmaßen, zu “wissen”, was das Problem sei.

Weiterführender Artikel: Wie entstand die Familienaufstellung und das Neue geistige Familienstellen?

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