Marionette unseres Gehirns

“Das Denken steht dem Wahrnehmen entgegen”

In diesem Artikel erzähle ich, warum die meisten Menschen eine Marionette ihres Gehirns sind, wie sich dies äußert, warum es sehr, sehr empfehlenswert ist, diesen Mechanismus zu durchbrechen und wie wir zu einer tiefen Wahrnehmung gelangen.

Ich möchte Dir als Beispiel von einer Fähigkeit von mir erzählen. Wichtig ist dabei, dass ich dies nicht tue, um zu zeigen, was ich Tolles kann, sondern um Dir zu zeigen, was Du könntest oder vielleicht sogar schon kannst, wenn Du Dir erlaubst, wahrzunehmen.

Ich bin sehr gut in deutscher Rechtschreibung. So gut, dass mir zahlreiche Menschen ihre Abschlussarbeiten, Artikel und Bücher zur Korrektur vorlegen. Doch es ist nicht der Fakt, dass ich die Rechtschreibung beherrsche – das kann man ja mit einiger Übung erlernen – , sondern viel mehr die Tatsache, dass ich jeden auch noch so kleinen Fehler finde. Fehler, bei denen jedes Rechtschreibprogramm scheitert, weil „eine Buch“ nun mal korrekt geschrieben, aber dennoch falsch ist.

Wie kommt das?

Unser Gehirn ist auf Effizienz getrimmt. Sobald es ein sich wiederholendes Muster erkannt hat, legt es diesen Pfad fest und kann beim nächsten Mal mehrere Schritte überspringen, um so schneller ans Ziel zu kommen. Das Ziel ist, dass ich als Mensch etwas besonders schnell erkenne und dadurch schneller reagieren kann. Das war früher ein lebensverlängernder Vorteil und hilft auch heute noch in der Schule. Es hat aber einen Nebeneffekt.

Je älter wir werden, desto mehr solcher Muster hat unser Gehirn bereits erkannt. Wenn wir nun in die Welt schauen, sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen wir nicht mehr, was da ist, sondern nur, was unser Gehirn für relevant hält. Wir leben also mehr und mehr in einer Scheinwelt unseres Gehirns. Auf diese Weise kommen wir ohne Hindernisse auf dem Markt zum gewünschten Gemüsestand, können in der Bahn trotz Geräuschen ein Buch lesen, ohne Unfall Auto fahren und in der Urzeit frühzeitig den Säbelzahntiger entdecken. Je besser ich darin bin, desto mehr kann ich unwichtige Dinge ausblenden und auf mein persönliches Ziel zusteuern.

Schwierig wird es allerdings, wenn ich mit der Zeit einschränkende Verhaltensweisen entwickle. Unser Gehirn lebt eine Konfliktvermeidungsstrategie. Es versucht, uns vor seelisch schwierigen Themen, Situationen und Personen zu schützen und blendet diese dann aus. Gleichzeitig lenkt es unseren Fokus auf bestimmte andere Reize. Manche Menschen jammern dann ständig, regen sich auf oder verfallen in Panik. Jedes Gehirn legt einen Fokus fest, der zur psychischen Verfassung des Menschen passt. Wir wundern uns dann, dass jemand immer etwas zum Jammern oder Meckern oder Trauern findet. Sein Gehirn füttert ihn mit den passenden Außeneindrücken, lenkt ihn von schwierigen Themen ab und bestärkt so die subjektive Realitätseinschätzung. Wir werden also zur Marionette unseres Gehirns, das unser Denken maßgeblich kontrolliert. Es reagiert auf bestimmte Reize stärker als auf andere, weil es sie für relevanter einstuft. Unser Denken ist also nur ein gefiltertes Bild der Realität. Und so entwickeln wir mehr und mehr blinde Flecken, weil wir durch unser Gehirn wie beim Slalomlauf um bestimmte Themen und Beobachtungen herum gelenkt werden.

Kommen wir zur Rechtschreibung…

Unser Gehirn hat es jahrelang geübt, Texte zu lesen. Um schneller und sicherer lesen zu können, verbindet es Wörter. So weiß es: Es muss immer „EIN Buch“ heißen. Wenn wir dann lesen, liest unser Gehirn automatisch „ein Buch“, auch wenn dort versehentlich „eine Buch“ steht.
Ich beobachte gerne Erwachsene beim Vorlesen. Interessant ist, dass erstaunlich viele nicht lesen, was dort steht. Viele lassen einfach Wörter weg oder ersetzen sie durch ein Wort, das zwar die gleiche Bedeutung hat, aber eben nicht dort steht. Dies ist eine gute Übung, um zu sehen, wie sehr wir uns in der Filterblase unseres Gehirns befinden.

Ist das schlimm?

Erstmal vereinfacht es unser Leben. Doch es macht uns auch sehr leicht manipulierbar. Spätestens seit Cambridge Analytica sollte jeder wissen, welch große Gefahr dieser menschliche Mechanismus darstellt. Schon wenige Informationen ermöglichen es mittlerweile, einen Menschen dahingehend einzustufen, worauf er anspringen wird. So setzt man Person A Wut und Person B Mitleid hervorrufende Werbung vor, um sie zu einem Klick zu bewegen oder einen Präsidenten zu wählen. Und wer sich mit etwas Psychologie auskennt, der kann dies auch ohne Facebook in wenigen Minuten im realen Leben herausfinden. Das ist auch für unsere Kommunikation wichtig, solange es nicht zur negativen Manipulation der Person genutzt wird. Genau das geschieht jedoch, oft sogar unwissentlich bspw. in Jugendgruppen. Und momentan sehen wir genau dies überall auf der Welt: Einzelne Personen erkennen die undefinierte Wut in vielen Menschen, zeigen ihnen ein Feindbild und hetzen sie dagegen auf, auch wenn keine der Aussagen einer Logikprüfung standhalten würde. Dieses Vorgehen funktioniert, weil das Gehirn der Menschen auf Schlagwörter und Emotionen anspringt und gar nicht erst auf die Idee kommt, die Aussagen zu hinterfragen. Solange wir unser Gehirn regieren lassen, sind wir für die uns emotional ansprechenden Parolen anfällig und folgen ihnen blind.

In einer Gruppe spielt dieser Mechanismus eine entscheidende Rolle: Jede Gruppe entwickelt ein Gruppengewissen, also meist unausgesprochene Regeln, die darüber entscheiden, was gut und böse ist und wer dazugehört und wer nicht. Unser Gehirn ist so gestrickt, dass es zur Konfliktvermeidung alles ausblendet, was in dieser Gruppe “böse” ist. Auf diese Weise fällt mir plötzlich das Fehlen einer Person gar nicht auf und es erscheint mir total logisch, dass die Flüchtlinge an allen Problemen im Land Schuld sind. Es bedeutet aber auch, dass ein Unternehmen eine große Innovationskraft verliert, weil seine Mitarbeiter bestimmte Gedanken nicht mehr denken können, weil ihr Gehirn sie auf anderes fokussiert. Deshalb sind es dann meist Startups, die ein Produkt komplett neu denken und den Markt aufmischen. Nicht, weil sie schlauer sind, sondern weil sie freier denken können und sich erlauben können, alles zu hinterfragen.

Wenn wir nun wegen eines psychischen oder physischen Problems zur Beratung gehen, nimmt dieser Mechanismus erneut Einfluss.
Ich erkläre mein Problem, doch im Grunde beschreibe ich nur das Symptom des Symptoms. Wüsste ich schon, warum ich Schmerzen habe, täte es ziemlich sicher nicht mehr weh.
Bildlich ausgedrückt: Ich gehe zum Arzt und berichte, dass ich seit drei Monaten starke Kopfschmerzen habe. Ein unerfahrener Arzt gibt mir dann Kopfschmerztabletten. Ein erfahrener Mediziner untersucht den gesamten Körper auf Verspannungen und fragt entsprechend nach Vorfällen. Er findet schnell heraus, dass es im Becken eine Verspannung gibt und weiß, dass diese bis in den Kopf ziehen kann und für Schmerzen sorgt. Er behandelt daher die Verspannung im Becken und nicht im Kopf. Nun wurde das ursprüngliche Symptom entdeckt, aber nicht die Ursache! Ein erfahrener Mensch, der sich in seine Wahrnehmung begibt, kann aber die psychische Ursache herausfinden, die den Körper erst dazu brachte, Verspannungen oder Schmerzen zu entwickeln. DANN erst kann sich das Symptom nachhaltig auflösen. Die zwei Behandlungsschritte vorher hätten nicht verhindert, dass der Schmerz nach einiger Zeit erneut auftritt. Oder wie der Arzt Ruediger Dahlke sagt: “Ich kenne keine Krankheit, die nicht psychosomatisch ist.”
Entscheidend an dieser Geschichte ist, dass die meisten Menschen nur das Symptom des Symptoms beschreiben können, weil sie blind für ihr eigentliches Problem sind. Unser Gehirn versieht das zugrundeliegende Thema mit einem großen Schleier, weil es seelisch schmerzhaft ist (Konfliktvermeidung), und oft leidet lieber der Körper als der Geist.

Als Psychologe, Therapeut, Coach, Berater etc. setzt ebenfalls dieser Mechanismus ein: Solange ich mit einer Absicht und festgelegten Vorgehensweisen versuche, einer Person zu helfen, schaue ich nie hin, was diese Person wirklich braucht und was die tiefe Ursache ihrer Beschwerden ist. Mein Gehirn geht direkt den Pfad zum Gelernten und ist nicht mehr offen für das, was noch alles wahrnehmbar ist. Und solange ich als helfende Person meine eigenen Themen nicht bearbeitet habe, manövriert mich mein Gehirn an diesen Themen vorbei. Und so kann ich einem Klienten in diesen Themen nicht helfen bzw. übersehe sie, weil mein Gehirn sie nicht erkennen will. Es ist also essenziell für jede Person in einer helfenden, beratenden Tätigkeit, sich aus dem Mechanismus des Konflikt vermeidenden und Effizienz getriebenen Gehirns zu befreien!

Wie löse ich mich von diesem Mechanismus?

Wir können uns in zwei Schritten davon lösen. Im ersten Schritt empfehle ich, sich nach und nach den eigenen schmerzhaften Themen in der Familie zu stellen und Konflikte aufzulösen, weil ansonsten Schritt zwei nur begrenzt funktioniert. Die zwei Schritte laufen parallel. Der zweite Schritt ist, sich wie in einer Art Meditation innerlich ganz leer zu machen. Anfangs sollte ich mir dafür einen ruhigen Ort suchen, später geht es dann überall und auf Knopfdruck. Ich beobachte meinen Atem und konzentriere mich darauf, langsam ein- und auszuatmen. Dabei stelle ich mir vor, mit jedem Ausatmen immer leerer zu werden. Alle Gedanken lasse ich vorbeiziehen. Alle Absichten, alle Vorannahmen und Erwartungen lasse ich los. Ich stelle mir vor, ich würde innerlich frei für alles, was kommt. Für alles Überraschende und alles Hilfreiche. Gleichzeitig beobachte ich meine Gedanken und Körperreaktionen. Hier kann es helfen, sich vorzustellen, man säße in einem Kino und auf der Leinwand sähe man nun sich selbst, wie man da sitzt oder steht und tief ein- und ausatmet. Ich gehe also in die dritte Person und entkopple mich dadurch von den mich einschränkenden Gedanken und Gefühlen. Bei den ersten Malen konzentriere ich mich erstmal darauf, mich als Beobachter anzuschauen und so Abstand von den alten Mustern meines Gehirns zu gewinnen. Später fokussiere ich mich in dieser Übung auf meine eigene Mitte, in der alles leer und offen ist für das, was kommt.

Im Kern geht es bei dieser kurzen Übung darum, den Weg des Gehirns zu erkennen und durch das Erkennen bewussten Einfluss zu nehmen. Als Berater (oder guter Freund) geht es dann weiter darum, alle Absichten loszulassen, um so frei und offen für den Anderen zu sein. Ich gehe in eine offene Wahrnehmung, die eine innere Haltung der Demut und des Mitgefühls voraussetzt.

Zum Schluss noch ein kleines Beispiel: Seit einem Erlebnis in der 8. Klasse hatte ich panische Angst vor dem Vorlesen. Sobald ich vorlesen sollte, bekam ich kaum noch Luft und begann zu stottern. Meine Hände zitterten unkontrolliert und mein Herz raste. Vor meiner ersten Lesung 2018 kam natürlich wieder die Angst vor dieser Situation. Nun machte ich diese Übung vor dem Termin und blieb ganz fokussiert. Und tatsächlich verschwand das Zittern und Stottern nach 15 Jahren erstmals komplett und noch dazu in einer für mich ganz neuen und wirklich aufregenden Situation! Bei der zweiten Lesung hatte ich nun aber keine Zeit, um mich vorher zu fokussieren und in meiner Mitte zu bleiben. Ich begann vorne zu sprechen und zack war das Stottern und Zittern wieder da. Ich brauchte 20 Minuten, um halbwegs zur Ruhe zu kommen. Interessant war aber, dass ich mich selbst nun plötzlich dabei beobachtete, wie mein Gehirn in den alten Pfad zurücksprang, weil der neue Pfad noch nicht als Muster erkannt wurde.

Mittlerweile gehört die Übung zur Vorbereitung jedes Vortrags und das Stottern und Zittern ist verschwunden. In dem Artikel “Wie löse ich mich von Verhaltensmustern” beschreibe ich, wie ich sogar meine Essstörung auf diese Weise stoppen konnte. Ich konnte also ein körperliches Symptom durch die bewusste Steuerung meines Gehirns komplett auflösen. DAS ist möglich, wenn Du es schaffst, Dein Gehirn zu durchschauen und bewusst wahrzunehmen, was da ist.

Um diese innere Haltung und Fokussierung zu erlernen und nachhaltig zu verinnerlichen, melde Dich für meine Lerngruppe an.

Vortrag von Bert Hellinger über das Denken: Der Vergleich

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