Wegschauen verstärkt das Problem

“Ich schaue hin und schenke mein tiefes Mitgefühl”

Dieser Text ist ein ernstes Thema, das mir aus gegebenem Anlass sehr wichtig ist. Er handelt vom Wegschauen und unserer Verantwortung, unsere Wahrnehmung anzusprechen.

Gestern erzählte mir eine Freundin, dass sich ein enger Freund ihrer Familie umgebracht hätte. Selbstmord vom Balkon. Er hat seine Frau und zwei dreijährige Kinder zurückgelassen. Keiner hatte etwas geahnt. Es kam für alle völlig unerwartet.

Dann sah sie mir in die Augen und sagte, dass ihr mein Buch gerade sehr helfen würde, um alles besser einzuordnen und damit umgehen zu können.

Der Text ist auch zum Anhören verfügbar

Schauerlich erstmal. Ich habe mich natürlich gefreut, dass mein Buch hier helfen kann. Aber im Endeffekt wünscht sich natürlich niemand, dass es notwendig wird.

In solchen Momenten gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Vor allem aber spürte ich ihre Trauer. Den tiefen Schmerz in ihr, diesen Menschen verloren zu haben.

Das kann erstmal durch nichts aufgewogen werden. Dann ist es schön, wenn einfach jemand da ist, der uns hält. Es braucht keine Erklärungen.

Ich war nur eine Außenstehende. In keiner Weise mit diesem Menschen in Kontakt. Dennoch trifft es mich tief, von solch einem Schicksal zu hören. 

Wie ist es möglich, dass es keiner geahnt hat? Wie konnte es niemandem auffallen, wie tiefgreifend verzweifelt dieser Mensch war?

Dazu möchte ich etwas von mir erzählen. Ich erwähnte ja bereits, dass es ein langer Weg für mich war, aus der Krankheit heraus zu finden, und dass dieser Zustand der Grund war, dass ich mich schon in frühen Jahren mit mir selbst, meiner Familie und ungelösten Gefühlen, ausgeschlossenen Personen und destruktiven Verhaltensmustern beschäftigen musste.

Die Frage ist aber: Hätte ich das freiwillig getan?

Nein. Nie und nimmer!

Als Therapeutin hat meine Mutter die Lage ungewöhnlich schnell erkannt und mich sofort zum nächsten Therapeuten geschleppt. Ich war mit 14/15 Jahren natürlich gar nicht begeistert. Ich war die ganzen nächsten sieben Jahre nicht davon begeistert. Aber sie hat mir immer wieder in den Hintern getreten und gesagt: „Du machst jetzt irgendetwas. Ich schaue nicht zu, wie du dich selbst kaputt machst und langsam daran stirbst.“ Doch dafür hat sie in Kauf genommen, dass wir uns heftig stritten, ich mit 18 Jahren auszog, noch bevor ich mit dem Abi fertig war, und dass sie immer all meine Wut abbekam. Das war ein beschissener Job für sie. Ich war nicht dankbar in diesem Moment. Ich habe sie dafür gehasst, dass sie mich nicht in Ruhe lässt.

Und vielleicht klingt es jetzt für einige selbstverständlich, so um sein Kind zu kämpfen. Doch die Realität ist anders. Meine Mutter ist heute noch in Foren von Angehörigen, also Menschen, die Eltern, Geschwister oder Partner von Menschen mit Magersucht und Bulimie sind. Und was sie da liest, ist die absolute Hilflosigkeit der Menschen. Immer wieder schreibt jemand, dass die betroffene Person nun an Organversagen gestorben sei. Die Angehörigen bekommen die Krankheit mit und es ist ja schon mal ein toller Schritt, in so ein Angehörigenforum zu gehen. Aber dann schauen sie zu. Sie fühlen sich so hilflos und scheuen die Konfrontation mit diesem Menschen, sodass sie letztlich nur zuschauen können, wenn ihre kleinen Hilfsangebote nicht angenommen werden. Sie schauen ihrem Kind, ihrer Schwester, ihrem Bruder oder ihrem Partner beim langsamen Selbstmord zu. Denn das ist es. Es ist Selbstmord, nur nicht so abrupt. Das Umfeld kann sich sozusagen gemächlich daran gewöhnen, dass dieser Mensch vor seinem 60sten Lebensjahr sterben wird. Wie nett.

Ich spreche hier jetzt nicht mehr nur von Essstörungen. Ich spreche hier von jeder Sucht. Das kann Alkohol, Drogen, Zigaretten, Selbstverletzung, aber auch sehr exzessiver Sport oder starkes Übergewicht betreffen.

Ebenso kann es jede psychosomatische Erkrankung betreffen, die wir immer wieder für normal erklären und nicht bereit sind, dem Ernst der Lage in die Augen zu schauen.

Später wird jeder sagen: Wie kann man denn da nicht tätig werden und etwas dagegen tun? Das Schwierige ist, dass die meisten Menschen es nicht erkennen, dass die Person selbst es auch nicht zeigen möchte und dass wir gesellschaftlich gelernt haben, wegzuschauen.

Selbstverständlich spüren es viele Menschen, ob jemand glücklich oder eher innerlich sehr traurig ist. Aber keiner sagt etwas. Jeder denkt: „Na ja, das ist ja nicht meine Angelegenheit.“

Und auch die Angehörigen reden es sich lange klein. Vielleicht wagen sie schon mal, etwas anzusprechen, aber sie werden in fast allen Fällen eine Abwehrreaktion der Person erleben. Ein kranker Mensch möchte nicht enttarnt werden. Sein ganzer Alltag dreht sich darum, die anderen nicht wissen zu lassen, wie schlecht es ihm geht. Wenn es jemand anspricht, dann wird er als Feind wahrgenommen und das muss mit Wut beantwortet werden.

Kommen wir zurück zu dem Fall meiner Freundin. Die engste Familie wird es mitbekommen haben, wie es ihm geht. Aber keiner hat sich getraut, etwas zu sagen. Sie haben weggeschaut, weil es sofort zum Konflikt geführt hätte, wenn einer es angesprochen hätte. Also lieber nichts sagen. Wegschauen.

Wie ist der 2. Weltkrieg entstanden? Ohne jetzt gleich die historischen Zusammenhänge zu beleuchten. Die Mehrheit der Menschen war nicht für einen Krieg oder gegen Juden. Die meisten lebten ganz zufrieden mit ihren Nachbarn zusammen. Dieser Prozess begann schleichend. Wie eine Krankheit. Immer wieder verschwanden Menschen oder ganze Familien. Und die Menschen wussten, was da passierte. Bei den ersten Fällen vielleicht noch nicht. Aber dann ahnten sie etwas.

Und was haben sie getan? Nichts. Sie hatten Angst. Sie hatten Angst, es anzusprechen. Sie hatten Angst, selber Opfer zu werden. Sie hatten Angst, ihren Job zu verlieren. Und dann schauten sie zu. Sie schauten zu, wie aus dem kleinen Erreger ein Geschwür wurde und sich immer weiter ausbreitete, bis die Gefahr wirklich zu groß war, etwas dagegen zu tun. Aber seid euch bewusst: Sie haben die Anfänge alle mitbekommen. Aber die Angst war zu groß.

Ich bin meiner Mutter heute sehr dankbar, dass sie mich nicht aufgegeben hat, obwohl ich alles tat, um sie dazu zu bewegen. Der Mensch ist in dieser Hinsicht sehr paradox. Schon bei kleinen Kindern können wir beobachten, wie sie die Eltern anschreien und wegschubsen, wenn sie wütend sind. Doch in Wirklichkeit wollen sie fest in den Arm genommen werden und von ihren Eltern erfahren, dass sie auch in diesem Zustand noch von ihnen geliebt werden. Es ist der innere Hilfeschrei des Menschen, wenn er wütend und trotzig um sich schlägt.

Das Interessante ist: Es ist alles eine Analogie. Wie im Großen, so im Kleinen. Wie im Außen, so im Inneren. Die meisten Menschen schauen schon bei sich selbst vor den schmerzhaften Themen weg. Und sie schauen in der Familie vor den schmerzhaften Themen weg. Und dann schauen sie auch auf der Straße vor den konfliktreichen Themen weg. Als Kinder haben wir noch den Mut, jedes Thema, jede Auffälligkeit anzusprechen. Doch nach und nach lernen wir durch die wütende oder traurige Reaktion der Erwachsenen, dass wir lieber den Mund halten sollten. Und je länger wir dieses Verhalten gewohnt sind, desto weniger trauen wir uns, noch etwas zu sagen. Und schließlich ist die Angst so groß, dass wir lieber so tun, als hätten wir nichts mitbekommen. Deshalb ist es so wichtig, bei unserem eigenen Verhalten und unserer eigenen Selbstwertschätzung zu beginnen. Wenn wir unsere eigenen Körpersignale ernst nehmen, erkennen wir auch die Bedeutung der Signale anderer. Und wenn wir selbst den Mut aufbringen, uns schmerzhaften Themen zu stellen, machen wir auch anderen Mut, diesen Weg zu gehen.

Es geht hier nicht um Schuld. Es geht darum, dass wir alle helfen können, Menschen, denen es wirklich schlecht geht, Mut zu machen, sich Hilfe zu holen und auf die Suche nach den Ursachen der Trauer zu gehen. Wir werden jedem Vorbild sein, wenn wir selbst diesen Weg gehen. Und mit jedem Berg, den wir erklimmen, werden wir bewusster und können anderen Menschen berichten, wie wir es gemeistert haben.

Ich appelliere heute an alle Angehörigen und jeden Passanten: Sagt etwas! Sprecht eure Wahrnehmung an, wenn ihr tiefe Trauer in einem Menschen spürt oder erlebt, wie jemand ausgegrenzt oder diskriminiert wird. Euer Handeln könnte sein Leben retten. Lasst eure Angst vor der Konfrontation nicht siegen! Nehmt den Konflikt in Kauf, denn je länger wir wegschauen, desto schwieriger wird es.

Ich hoffe, ich konnte euch mit diesem Beitrag etwas mitgeben, um für zukünftige Situationen gerüstet zu sein und noch mehr Motivation zu entwickeln, eure eigenen schmerzhaften Themen anzuschauen und darüber hinauszuwachsen!

Ich wünsche euch, jeden Augenblick als glücklichsten Moment eures Lebens zu genießen. 

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