Wie kann ich eigenverantwortlich handeln?

“Eigenverantwortung beginnt durch Bewusstwerdung
und wird mit Mut erreicht”

Beantwortung einer Kundenfrage
In diesem Artikel erzähle ich, was ich unter Eigenverantwortung verstehe, warum da noch nicht jeder ist und warum sie unser Ziel sein sollte.

Eigenverantwortung ist für mich das zweite essenzielle Thema, weil es die Grundlage für erwachsenes Verhalten und daher auch für eine erwachsene Gesellschaft ist.

Der Text ist auch zum Anhören verfügbar

Wie habe ich Eigenverantwortung erreicht?

Es war der Moment, als ich schwanger war und plötzlich begriff, dass ich nicht nur für mich selbst sorge, sondern auch für einen anderen Menschen. Was ich esse und trinke, davon ernährt sich auch mein Kind. Und wie ausgeglichen ich bin, wirkt sich auch auf mein Kind aus.

In diesem Moment erkannte ich, dass es im Leben nicht nur um mich selbst geht. Ich habe eine Auswirkung auf andere Menschen. Und ich kann jeden Tag wählen, ob es eine negative oder positive ist. Es ist meine Verantwortung, mir dieser Auswirkung bewusst zu sein. Denn solange ich unbewusst damit umgehe, überlasse ich es dem Zufall, welche Wirkung ich bei meinem Gegenüber auslöse. Und dann verletze ich jemanden, ohne es zu wollen.

Wie kommt es zu Verletzungen? In der Regel tut jemand etwas, ohne zu wissen, dass er damit jemanden verletzen könnte. Und plötzlich ist ein anderer wütend. Das hat immer mit beiden Parteien zu tun. Trotzdem ist es wichtig, die Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Wir können verletzen, ohne die Absicht zu haben, den anderen zu verletzen. Diesen Konflikt können wir nur lösen, wenn wir dem anderen gegenüber mitteilen, dass es uns leid tut, auch wenn es nicht unsere Absicht war.

Soweit, so gut. Das kann noch jeder nachvollziehen. In der Eigenverantwortung liegt aber noch mehr. 

Als ich erkannte, dass ich also auch eine Verantwortung gegenüber anderen Menschen trage, konnte ich noch eine weitere Erkenntnis daraus ziehen.

Ich hatte zu diesem Zeitpunkt zwar schon meine Essstörung überwunden, aber im Kopf war ich immer noch am Sortieren in Gut und Schlecht, aus Angst, ich könnte rückfällig werden.

Und dann erkannte ich, dass ich nur mir selbst damit schade. 

Die anderen werden traurig darüber sein, dass es mir so schlecht geht. Aber ihre Welt dreht sich weiter. Doch ich zerstöre damit mein Leben nachhaltig. Und am Ende bin ich die einzige, die mit den Konsequenzen meines Verhaltens leben muss und zum Beispiel frühzeitig stirbt oder im Alter unglaublich krank und gebrechlich wird. Keiner wird mich dann retten.

Krankheiten haben oft den Beigeschmack der Opferhaltung. Wir werden für jemanden krank, um ein Gefühl in der Familie zum Ausdruck zu bringen, um jemanden zu entlasten, dem es sonst sehr schlecht ginge oder um andere abzulenken, damit sie nicht in Trauer versinken.

Die Struktur ist folgende: Kinder lieben ihre Eltern bedingungslos. Egal, wie sie behandelt wurden. Das heißt auch, dass sie ihre Eltern immer retten wollen, wenn sie merken, dass es ihnen nicht gut geht. Auch wenn sie selbst dabei sterben könnten.

Wir alle sind diese Kinder. Wir alle sind tief mit unseren Eltern verbunden, auch wenn wir keinen Kontakt zu ihnen haben oder sie nicht einmal kennen.

Doch als Erwachsener ist es essenziell, zu begreifen, dass ich nur mir selbst wehtue, wenn ich versuche, sie zu retten. So groß ihr Leid auch sein mag, niemandem ist geholfen, wenn ich mich selbst ihnen zuliebe davon abhalte, glücklich zu sein. Ich darf glücklich sein, auch wenn es ihnen schlecht geht. Ich darf glücklich sein, auch wenn sie diesen Zustand vielleicht nicht mehr erreichen werden.

Es ist nicht meine Aufgabe, sie zu retten. Ich kann daran nur scheitern, weil die Ursachen ihres Leids nichts mit mir zu tun haben. Sie müssen ihre Probleme lösen. Keiner wird mich retten, wenn ich mich selbst so klein halte, dass ich am Ende unter Depressionen oder schwerwiegenden Krankheiten leide.

Es ist ein schönes Spiel zwischen Eltern und Kind, wenn sich der eine ständig verletzt und der andere immer kommt, um ihn zu retten. So können wir uns jahrelang von den wirklichen Problemen ablenken. Doch wir bleiben gefangen in diesem Muster und mit jedem Jahr wird es schwieriger, daraus auszubrechen. Das Ergebnis ist: beide werden nicht in ihre Kraft kommen. Sie bleiben Opfer und sich immer sorgender Retter. Auf diese Weise sind sie nicht mehr offen für ihr eigenes Glück oder für ihre eigene Zukunft. Sie schauen permanent nur auf sich selbst.

Es klingt trivial, zu erkennen, dass sich mein Leben nicht nur um mich selbst dreht. Aber in der Realität leben die wenigsten Menschen diese Eigenverantwortung. Eigenverantwortung ist nur möglich, wenn wir wirklich erwachsen werden. Ein Mensch, der diese Eigenverantwortung noch nicht lebt, fällt immer wieder in kindliche Muster. Das ist dann der Manager, der ständig cholerisch wie ein trotziger Dreijähriger herumschreit. Das ist die Oma, die ihre Überforderung immer runterschluckt und dann plötzlich wie ein Vulkan ausbricht und wahllos Menschen beschimpft, um endlich ihre Wut loszuwerden. Das ist der Kollege, der seinem Chef wie ein kleiner Junge hinterherläuft, um gelobt zu werden. Das ist die Ehefrau, die ihrem Mann vorwirft, er habe schon wieder die dreckige Tasse stehengelassen, obwohl es eigentlich darum geht, dass sie gekrängt ist, weil er sie nie wertschätzt.

Wieso bleiben Menschen in kindlichen Mustern stecken und gehen nicht in die Eigenverantwortung?

Das ist hat zwei Gründe:

Einerseits hat es damit zu tun, dass schon unsere Eltern in einem kindlichen Muster steckengeblieben sind und sich entsprechend verhalten. Sie übernehmen nicht die Verantwortung für ihre Probleme. Sie hoffen, dass sie sich von alleine auflösen oder jemand kommt, der sie ihnen abnimmt. Und tataa.. wie gut, dass es Kinder gibt, die sie dann auf sich nehmen. So wird das Muster von Generation zu Generation übergeben. Wir lernen dieses Verhalten und wissen am Ende auch nicht, wie man es anders machen könnte.

Der zweite Grund ist eine unterbrochene Hinbewegung zu den Eltern. Wir erleben sie meist in den ersten 3 bis 5 Lebensjahren. Wenn es in dieser Zeit ein Erlebnis gab, bei dem wir nicht zu unseren Eltern konnten und es dabei als tiefen Schmerz erlebten, bleiben wir in diesem Alter stecken. Das Kind entscheidet in diesem Moment, dass es seine Eltern nie wieder an sich heranlassen wird, weil der Schmerz zu groß ist. Leider bedeutet das, dass dieses Kind auch noch als Erwachsener immer wieder in diesen Zustand zurückfällt, sobald eine ähnliche Situation entsteht. Und da wir unser Familienmuster immer mit uns tragen, suchen wir automatisch im Freundeskreis und auch bei der Arbeit nach den Strukturen, die unserer Familie am ähnlichsten sind.

Und manchmal kann es auch noch einen dritten Grund geben. Dieser Grund sind Personen in meiner Familie, die großes Leid erfahren haben. Vielleicht deportierte Verwandte oder Täter im 2. Weltkrieg. Vielleicht ausgegrenzte Menschen, weil ein uneheliches Kind entstanden ist. Vielleicht kranke Menschen, von denen sich die Familie aus Wut oder Scham distanziert hat. Vielleicht Geschwister, die bei einem schlimmen Unfall ums Leben kamen, abgetriebene Kinder, Fehlgeburten oder Zwillinge, von denen nur einer überlebt hat.

Wir werden uns diesem Thema noch ausführlich in einer anderen Folge widmen. Wichtig ist es, im Hinterkopf zu behalten, dass mich diese Menschen beeinflussen und es für alle heilsam wirkt, wenn in der Familie wieder über sie gesprochen werden darf.

Wie erreiche ich nun Eigenverantwortung?

Eigenverantwortung kann ich leben, wenn ich diese frühen Kindheitserfahrungen noch einmal anschaue, den damaligen Schmerz durchlebe und meinen Eltern vergebe. Es war nicht ihre Absicht, mir wehzutun. Dann löse ich diesen Schmerzkörper auf und kann wieder in meine Zukunft schauen. Und dann nehme ich mich wahr als eigenständige Person. Meine einzige Verantwortung, ist es, selber in meine volle Kraft zu gehen und mein eigenes Glück zu leben. Nicht das meiner Eltern. Wenn sie sehen, dass ich glücklich bin, wird es ihr größtes Glück sein. Und dann begreifen sie auch, dass es ihre Aufgabe ist, ihre Probleme zu bearbeiten. Ich ziehe eine imaginäre Grenze zwischen mir und meinen Eltern. In Liebe! Und das ist entscheidend. Die meisten kennen nur Liebesüberschüttung und vollkommene Distanzierung. Aber der Weg liegt in der Mitte. Ich bin erwachsen und lebe mich als eigenständige Person, wenn es mir gelingt, meine Eltern in Liebe anzunehmen und dabei gleichzeitig keine Grenzüberschreitung zuzulassen. Natürlich kann ich ihnen beim Umzug helfen oder regelmäßig mit ihnen telefonieren. Aber wenn ich spüre, dass sie mich in ihre Konflikte hineinziehen oder ihr Glück von mir abhängig machen, sage ich ihnen in Liebe, dass ich mich freue, wenn sie es selbst klären.

Ich fasse noch einmal alles zusammen:

Eigenverantwortung bedeutet, mir bewusst zu sein, dass ich eine Auswirkung auf andere habe und dass ich eine eigenständige Person bin, die ihre Eltern hinter sich spürt und in Liebe mit ihnen und sich selbst umgeht. Eigenverantwortung ist die Verantwortung, in meine ganze Kraft zu gehen und mein Potenzial zu entfalten. Dann habe ich die Größe und Stärke, anderen zu vergeben, die mir Schmerz zufügten, und mir selbst zu vergeben, anderen Schmerz zugefügt oder mich selbst schlecht behandelt zu haben.

Um das zu erreichen, kann ich Folgendes tun:

  1. Ich suche nach Ereignissen in meiner frühsten Kindheit, in denen ich mich verstoßen oder verletzt fühlte von meinen Eltern. Diesen Schmerz durchlebe ich und erkenne an, dass auch sie nur Menschen sind, die sich der Auswirkung ihres Handelns nicht bewusst waren.
  2. Ich ziehe eine imaginäre Grenze zwischen mir und meinen Eltern und nehme den Platz als ihr Kind ein, dessen Verantwortung nur sein eigenes Glück ist. Ich schaue in meine Zukunft und übergebe meinen Eltern die Verantwortung für ihr Schicksal. Liebevoll. Solange ich das nur mit Wut tun kann, gehe ich wieder zurück zu Schritt eins.
  3. Ich gehe auf die Suche nach Personen in der Familie, über die nicht mehr gesprochen werden darf, weil die Trauer oder Wut zu groß ist. Und auch wenn ich heute noch nichts darüber weiß, gebe ich ihnen jetzt schon einen Platz in meinem Herzen.

Ich hoffe, ich konnte dir hilfreiche Informationen mitgeben und freue mich auf jede weitere Frage, die ich hier für dich beantworten kann. Schreib mir gerne deine Frage, die ich anonymisiert beantworte, unter: leonie@reisezumbewusstsein.de

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In Liebe Leonie


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