Wie erreiche ich Selbstliebe?

Selbstliebe ist für mich ein essentielles Thema, weil es die Grundlage dafür ist, ein neues Verhalten zwischen allen Menschen zu erreichen. Wie wir mit uns selbst umgehen, so gehen wir auch mit unseren Mitmenschen um. Und so ist es auch die Grundlage für jede glückliche Beziehung. Solange das Bedürfnis nach Liebe innerlich nicht gestillt ist, brauche ich immer Zuwendung, Aufmerksamkeit oder ein Ersatzmittel von außen, um mich für einen kurzen Moment glücklich zu fühlen. Aber es wird nie reichen, weil ich den Mangel in mir damit nicht ausgleichen kann.

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Das sind dann die Beziehungen, in denen einer ständig Liebesbeweise haben möchte, um sie dann doch nicht zu glauben. Oder die Menschen, die todunglücklich sind, weil sie immer noch nicht den richtigen Partner gefunden haben und der Überzeugung sind, DANN würde ihr Leben endlich zum Paradies werden. Oder die Menschen, die sich immer wieder in süchtige Strukturen begeben. Workaholics, Sportsüchtige, Esssüchtige, Drogensüchtige, Kaufsüchtige, Smartphonesüchtige, Optimierungssüchtige.. Es gibt nichts, was wir nicht auch exzessiv machen können. Die Angebote und Verlockungen sind zahlreich. Ich glaube, es gab kaum eine Zeit, in der es leichter war, süchtig machende Angebote zu finden und sich von schlechten Gefühlen abzulenken. Unser ganzes System baut darauf auf, uns süchtig zu machen, damit wir mehr Zeit darin verbringen. Und das ist nur möglich, weil wir meistens einen inneren Mangel spüren, den wir ausfüllen und betäuben wollen.

Es führt dazu, dass wir im Grunde die ganze Zeit so sehr mit uns selbst beschäftigt sind, dass wir nie ganz einem anderen Menschen zuhören können. Ich kann anderen Menschen erst meine volle Aufmerksamkeit und mein tiefstes Mitgefühl schenken, wenn ich meine Themen geklärt habe. 

Im inneren Mangel zu leben ist so, als hättet ihr die ganze Zeit eine beschlagene Brille auf der Nase. Egal, was der andere tut, ihr seht ihn immer nur durch die Brille eurer Vorurteile und eurer Unzufriedenheit. Kommt einer und sagt: „Hey, du siehst heute aber gut aus!“, denkt ihr: „Sehe ich sonst etwa scheiße aus?“. 

Selbstliebe ist essentiell, um glückliche Beziehungen zu führen und tolerant und mitfühlend zu sein. Es ist der einzige Weg, um mein tägliches Glück zu erkennen und anzunehmen. 

Doch was genau ist diese Selbstliebe eigentlich und wie komme ich dahin?

Für mich bedeutet, mich selbst zu lieben, vor allem, mich selbst wahrzunehmen und anzunehmen, so wie ich bin. Mit jedem Fehler, jedem Makel und jeder Macke. Denn die habe ich. Keine Frage. Nur weil ich mich selbst liebe, werde ich nicht plötzlich ein perfekterer Mensch. Ich bleibe unperfekt und das ist ok so. 

In meinem Buch und bei Instagram schrieb ich „Ich liebe mich, also sorge ich für mich“. Das ist für mich die Tiefe der Selbstliebe. Es ist eine mütterliche Sicht auf mich selbst. Als Mutter liebe ich mein Kind, auch wenn es mich anschreit oder schlägt. Und mein Ziel ist es, mich selbst so bedingungslos zu lieben, wie eine Mutter ihr Kind. Dann bin ich in Verbindung mit mir. Und dann nehme ich wahr, wann ich mich selbst überfordere oder es mir schlecht geht und sorge dafür, dass es mir besser geht. 

Wer sich selbst nicht liebt, der spürt sich meist auch nicht. Der erste Schritt zur Selbstliebe ist also Selbstwahrnehmung. 

Selbstwahrnehmung bedeutet für mich, dass ich meine Körpersignale ernst nehme und auf die Suche danach gehe, was mich in letzter Zeit wütend oder traurig gemacht haben könnte. Denn alle unangenehmen Signale des Körpers sind ein Hinweis auf nicht bearbeitete Gefühle. Das Ziel ist es, diese Gefühle schon in der Situation selbst wahrzunehmen und gar nicht erst zuzulassen, dass ich sie einfach runterschlucke und übergehe. Heißt nicht, dass ich bei jeder gefühlten Wut gleich laut schreien soll. Es geht um bewusste Wahrnehmung und einen bewussten Umgang, den ein Außenstehender nicht unbedingt mitbekommen muss. 

Wichtig ist: richte Deinen Fokus auf Deine Körpersignale. Was spürst Du? Wo fühlst Du etwas? Fühlst Du Dich gerade wohl oder unwohl? Sei achtsam mit Deinem Körper und schau ihn mit Liebe an. 

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Was, wenn das alles nicht klappt? Ich kenne so viele Menschen, die mir sagen: „Das ist ja schön und gut mit dem Satz ‚Ich liebe mich‘, aber es geht nicht. Ich mag bestimmte Dinge an mir einfach nicht.“

Dazu möchte ich von mir selbst erzählen.

Für mich persönlich war es ein weiter Weg, mich selbst zu lieben. Ich hätte jeden ausgelacht, der mir mit „liebe dich selbst“ angekommen wäre. Nach sieben Jahren Essstörung ist die Selbstachtung und entsprechend die Selbstliebe recht weit gesunken. Festzustellen, dass der Körper nicht so will wie der Kopf, ist ziemlich frustrierend. Um genau zu sein, waren mein Körper und ich eher Feinde als Freunde. Ich habe mich gehasst. Dafür, dass mein Körper mich ständig boykottierte. Dafür, dass ich alle verarschen konnte, ohne dass es jemandem auffiel, wie schlecht es mir ging. Dafür, dass ich nach außen so gut funktionierte. Wer mich von außen betrachtete, sah die Einserschülerin, die Leistungssportlerin, die höfliche, zurückhaltende, sehr intelligente junge Frau, die engagierte Studentin. Aber innerlich schrie ich vor Schmerz.

Mich trieb vor allem ein Gedanke um: „Mein Körper und ich gehören nicht zusammen. Wie bin ich bloß hier reingekommen?“

Seit meinem fünfzehnten Lebensjahr war ich bei zahlreichen Therapeuten, Psychologen und in der Klinik. Sicher gab es gute Tipps, kleine Schritte nach vorne und dann wieder viele Schritte rückwärts. Das Gefühl, falsch zu sein, machte mich verrückt und ich sah nach so vielen Jahren auch kaum noch Hoffnung. Der Hass auf mich selbst war so groß und die Mittel, die man mir an die Hand gab, waren in meinen Augen nur oberflächliches Kratzen am Eisberg. Ich hörte den ganzen Kram rauf und runter, aber es änderte nichts an meinem Verhalten. 

Und dann machte ich eine systemische Aufstellung. Ich hatte zwar schon einige mitgemacht, aber eine war dann der augenöffnende Durchbruch. Ich fand heraus, wohin dieses Gefühl gehörte. Es war ein übernommenes Gefühl von der Frau meines Vaters, die ihr drittes Kind abtreiben musste und nie darüber getrauert hatte. Und mit dieser Erkenntnis hörte das Gefühl plötzlich auf. Ich fühlte mich wie ein neuer Mensch.

Meine Verhaltensmuster änderten sich nicht schlagartig, aber ich spürte, dass eine große Last von mir gefallen war und ich neue Energie hatte, das Symptom endlich zu überwinden.

Mit anderen Worten…

Selbstliebe ist nicht mit dem Satz „Ich liebe mich“ getan. Um das sagen zu können, muss ich erstmal sicherstellen, dass ich die Wut oder Unzufriedenheit mit mir nicht von meinen Eltern oder anderen Angehörigen übernommen habe. Jeder von uns wächst in einer Familienstruktur auf. Jedes Familienmitglied hat seine eigenen Erfahrungen, inneren Einstellungen und Gefühle, die damit verbunden sind. Wenn ich permanent höre, was ich alles falsch mache, verinnerliche ich diesen Glaubenssatz. Ebenso sauge ich als Kind aber auch das vorherrschende Gefühl in meiner Familie auf. Ich spüre es, wenn meine Eltern permanent schweigen und ihre Probleme nicht besprechen, also Wut in der Luft liegt. Ich spüre es auch, wenn alle still werden, wenn ein bestimmter Verwandter kommt. Wenn also jemand ausgeschlossen wird. Und so spürt auch jedes Kind, wenn Menschen in der Familie tiefe Trauer und Wut in sich tragen, über die sie nicht sprechen können. 

Wichtig ist: unbearbeitete Trauer und Wut sowie ausgeschlossene Personen in meiner Familie schwächen alle Familienmitglieder. Und am Ende übernehmen es die Sensibelsten, nämlich die Kinder. Und wenn ihr euch dieser verschwiegenen Ursache eines weitreichenden Gefühls in der Familie nicht stellt, dann kann ich euch garantieren, dass es eure Kinder übernehmen werden.

Und damit kommen wir zu einer weiteren Ursache, die euch davon abhalten kann, euch selbst zu lieben.

Die Beziehung zu euren Eltern. Wer seine Eltern nicht mit all ihren Fehlern, Makeln und Macken liebt, der wird sich auch nicht selbst lieben können. Wir können uns nur selbst lieben, wenn wir unseren Ursprung mit allem annehmen, was zu ihm gehört. Wir bestehen aus Mutter und Vater und wir können erst in unsere Kraft kommen, wenn unsere Beziehung zu ihnen gelöst und liebevoll ist.

Wichtig ist: prüft, ob ihr euch häufig mit euren Eltern streitet, wie ihr euch in ihrer Gegenwart fühlt und ob ihr erwachsen mit ihnen sprechen und umgehen könnt oder ob ihr euch klein macht oder umgekehrt ihr eure Eltern klein macht.

Das sind Hinweise darauf, dass ihr hier noch genauer hinschauen solltet. Es ist quasi die Regel, dass Kinder Gefühle von ihren Eltern übernehmen. Ihr seid also kein Einzelfall.

Was ist, wenn wir im Leben wirklich tiefes Leid erfahren haben? Auch dann und gerade dann ist es wichtig, sich diesen Erlebnissen zu stellen. Egal, wie sehr es wehtut, sie anzuschauen. Wenn ihr in diesem Leben noch einmal glücklich werden wollt, dann müsst ihr euch dem stellen. Ihr könnt nicht weglaufen. Löse ich diese Themen nicht auf, verfolgen sie mich in jeder Lebensphase und letztlich machen sie mich schleichend krank.

Zurück zum Anfang. Ja, es ist immer sinnvoll, zu üben, sich liebevoll zu betrachten und alle negativen Glaubenssätze in positive umzuwandeln. Liebevoll mit sich selbst umzugehen, ist absolut der richtige Weg. Ich möchte nur denjenigen, die es noch nicht schaffen, sagen, dass das total in Ordnung ist! Schaut tiefer und sucht nach den Ursachen, was euch noch daran hindert.

Selbstliebe ist der Anfang, um andere Menschen ebenso liebend behandeln zu können. Solange ich Teile von mir ablehne, werde ich auch mit dieser Ablehnung auf andere reagieren.

Wenn ich innerlich ganz erfüllt bin von Liebe, dann fließt diese über. Diese Selbstliebe ist wie ein inneres Strahlen. Andere Menschen spüren es, ob ich noch am hadern oder total zufrieden mit mir bin. Dieser Zustand ist die absolute Königsdisziplin. Dafür muss ich schon die größten Brocken an Themen angeschaut und aufgelöst haben. Und das tut weh. Das macht Angst. Ich kann es total verstehen, dass nicht jeder gleich in die Luft springt und sagt „Yay, na klar, schaue ich mir sofort die Themen an, die mich besonders wütend und traurig machen. Ich heule ja so gerne.“

Ich war nun gezwungen, mich sehr früh mit vielen dieser Themen auseinanderzusetzen, aber es ist und bleibt ein Prozess, den wir wahrscheinlich nie beendet haben werden. Manchmal fühle ich mich ganz intensiv in diesem Zustand und dann kommt wieder etwas hoch, an das ich noch nie gedacht habe oder ich merke, dass ich mit meinen Eltern immer noch irgendwo ein Thema habe. Und dann drehe ich halt eine neue Runde. Ihr seid schon einen ganzen Schritt weiter, wenn ihr es schafft, Hürden, Veränderungen, Wut und Trauer im Leben mit einer gewissen Freude und Neugier zu begrüßen. Ich benutze hier folgendes Bild:

Niemand legt mir Steine in den Weg. Es sind keine Hürden. Es sind Diamanten, die durch mich geschliffen werden können. Auf den ersten Blick wirken sie unscheinbar. Doch wenn ich mich ihnen zuwende und sie nicht mehr bekämpfe, strahlen sie in ihrer ganzen Schönheit.

Das ist die Einstellung, die wir verinnerlichen wollen. Alles, was mich wütend oder traurig macht, sind Geschenke. Denn hier spüre ich, wo ich noch genauer hinschauen und was ich noch auflösen soll. Und das ist der Weg!

Ich fasse noch mal alles zusammen:

Selbstliebe ist der mütterliche Blick auf mich selbst. Ich liebe mich wie eine Mutter ihr Kind, daher sorge ich für mich. 

Um das zu erreichen, kannst du Folgendes tun:

  1. Übe mit schönen Sätzen, Dich selbst anzunehmen, wie Du bist.
  2. Übe, dich selbst wahrzunehmen, indem Du Deine Gefühle und Körperreaktionen beobachtest.
  3. Gehe auf die Suche nach übernommenen Gefühlen aus Deiner Familie – Was sind die Tabuthemen? Wo kochen die Gefühle hoch?
  4. Kläre die Beziehung zu Deinen Eltern – Kannst Du sie annehmen und lieben, wie sie sind.
  5. Stelle Dich allen Themen und Menschen, die Wut oder Trauer in Dir auslösen – DAS ist der Weg zum Wachstum!

In dieser Haltung kannst Du Dich selbst und Deine Mitmenschen neu sehen und wirst Beziehungen neu erleben, weil Du den Menschen mit Deiner vollen Aufmerksamkeit zuhören kannst und frei von äußeren Reizen bist.

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