Wie gehe ich mit Schuldgefühlen um?

Beantwortung einer Kundenfrage zum Thema Bulimie
Erfahre, warum dein Verhalten nicht falsch ist, woher es kommt und nähere dich durch kleine Übungen einem neuen Umgang mit der inneren Unruhe und schwierigen Gefühlen.


Wenn ich mich nach einem Verhalten schlecht und schuldig fühle, setzt das die Annahme voraus, dass es falsch ist, was ich tue. In jeder Therapie und in der Klinik ging es bei mir damals immer darum, dieses “falsche” Verhalten zu bekämpfen. Natürlich habe ich mich nach jedem Rückfall beschissen gefühlt! Das durfte keiner erfahren! Ich als Perfektionistin verpasste mir sofort den Stempel “Versagerin!”. Wieder hatte ich es nicht geschafft. Dabei wollte ich es doch wirklich beenden.

Doch was passiert, wenn wir es nicht mehr als falsch betrachten, was wir da tun? Was, wenn ausnahmslos jeder Menschen in deiner Situation so handeln würde? Warum?

Weil dein Verhalten symbolisch das ausdrückt, was deine Seele fühlt.

Als ich in einem Seminar die systemische, unbewusste Verstrickung hinter meinem Verhalten erkannte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, warum ich mich so fremd in meinem Körper fühlte, warum ich zwanghaft versuchte, mich selbst zu spüren (und nicht schaffte) und warum ich nach dem Vollstopfen alles erbrechen musste. Es war total logisch! Mein Körper drückte einfach nur symbolisch aus, was meine Seele fühlte.

Hungern, Heißhunger und Erbrechen sind eine Form, um mit schwierigen Gefühlen und der inneren Unruhe umzugehen. Andere setzen sich dann vor den Computer und spielen bis sie vor Müdigkeit umfallen. Wieder andere rauchen und die nächsten verfallen in einen Kaufrausch. Wenn du die unbewusste Verstrickung erkennst, wird dir deutlich, warum du das (Nicht-)Essen als Umgangsform gewählt hast.

Natürlich ist es nicht wünschenswert und kein Spaß, sich täglich zu übergeben. Aber wem hilft hier der moralische Zeigefinger und die Verurteilung? Das ist keine Hilfe! Diese (befürchtete) Verurteilung ist der Grund, warum du in die Heimlichkeit gehst. Es darf nicht sein, keiner darf es wissen. Und sobald es im Untergrund geschieht, zerschneidest du deine Seele in zwei Teile. Dann gibt es eine öffentliche und eine geheime Version von dir. Aber wer bist du?

Um dein Verhalten und deine Gedanken wirklich zu verstehen, ist es essenziell die unbewusste familiäre Verstrickung zu erkennen. Es gibt zwar eine Regelmäßigkeit dabei, dennoch lässt es sich nicht ganz verallgemeinern. Hier kann ich dir nur empfehlen, ein entsprechendes Coaching zu machen. In sehr milden Fällen lässt es sich manchmal auch ohne diese Erkenntnis auflösen. Diese Verstrickung (dieses Wort beschreibt es am besten) sorgt für die nicht verständlichen fremden Gefühle in dir und die innere Unruhe. Du kannst nun lernen, wie du anders mit der inneren Unruhe und schwierigen Gefühlen umgehen kannst. Oder du löst die innere Unruhe im Kern auf.

Jetzt hast du schon verstanden, warum es nicht falsch ist, dass du dich übergibst. Es ist eine logische Konsequenz deiner Gefühle. Und sind diese Gefühle falsch? Nein! Diese Gefühle sind berechtigt! Sie dürfen da sein! Erlaube dir, traurig, überfordert, wütend oder verzweifelt zu sein! Oder meinst du, du wärst der einzige Mensch auf diesem Planeten mit diesen Gefühlen? Würdest du deiner besten Freundin sagen: “Du darfst nicht überfordert oder wütend sein?”. Du würdest sie ebenso unterstützen! Also erlaube es auch dir. Betrachte dein aktuelles Verhalten als Zwischenschritt, bis du neue Wege gefunden hast, um mit der inneren Unruhe und den schwierigen Gefühlen neu umzugehen. Es hilft nicht, dich dafür zu verurteilen oder sogar zu bestrafen.

Übung: Folge deiner Zukunft

Sofern du die unbewusste Verstrickung nicht begleitet auflöst, kannst du dir diese Fragen stellen: Was ist in deinem Leben zum Kotzen? In welchen Situationen fühlst du dich besonders falsch in deinem Körper? In welchen Situationen verstellst du dich besonders stark?

Mache dir diese Situationen bewusst und finde heraus, welche Gefühle in diesem Moment in dir hochkommen. Gehe jedes Gefühl durch. Vielleicht fallen dir Momente aus der Kindheit ein, in denen du ebenfalls dieses Gefühl hattest und schon damals überfordert warst. Nun stellst du dir dich selbst vor, wenn du es bereits gelernt hast, neu damit umzugehen. Schau dich selbst an, wie stark, selbstbewusst und gelassen du bist! Diese Frau vor dir hat schon alles geschafft, wovon du heute träumst. Sie kann mit jeder Situation gelassen umgehen, sie isst intuitiv und schenkt jedem ihre Aufmerksamkeit und Wertschätzung, ohne zu verurteilen, sie genießt jede Sekunde des Lebens mit Freude. Stell ihr die Frage, was du heute tun solltest, damit du jetzt neu damit umgehen kannst. Und dann folgst du in deinem Tempo ihren Hinweisen.

ÜBUNG: Nutze die Stille

Auch ein sehr hilfreiches Werkzeug ist die Stille. Nutze sie für dich und mache sie zu deiner besten Freundin! Der schwierigste Schritt ist es, die Stille auszuhalten. Ich empfehle dir, dich in kleinen Schritten wie beim Kennenlernen eines neuen Menschen mit der Stille anzufreunden. Beginne mit 1 Minute. In dieser einen Minute lässt du keine Unterbrechung oder Ablenkungen zu. Lege dich bequem hin, schließe die Augen und beobachte, welche Gedanken in dir hochkommen und was du im Körper spürst. Danach schreibst du alle Beobachtungen auf.

Du lernst bei dieser Übung, dich selbst zu beobachten, ohne die Stimmen in dir zu unterdrücken und kannst irgendwann in der Stille sogar nützliche Antworten finden. Mache dir konkrete Termine im Kalender für diese kleine Übung, am besten jeden Tag vor dem Schlafengehen oder nach dem Aufstehen. Wenn du mit einer Minute gut zurechtkommst, probierst du es 2, 5, 10, 20 und 30 Minuten. Vielleicht schaffst du sogar mehr. Ab mehr als 30 Minuten kannst du auch in der Natur spazieren gehen. Dazu nimmst du nur eine Flasche Wasser mit (und hast vorher ausreichend gegessen!) und gehst eine Route, bei der du möglichst nicht auf Menschen triffst. Auch hier gilt: Lasse dich von nichts unterbrechen oder ablenken. Nur dann hat es eine Wirkung! Irgendwann kannst du einen ganzen Tag mit Wasser und ausreichend Nahrung spazieren gehen und langsam deine innere Stimme fern von Glaubenssätzen und Urteilen freilegen.


Ich hoffe, ich konnte dir hilfreiche Informationen mitgeben und freue mich auf jede weitere Frage, die ich hier für dich beantworten kann. Schreib mir gerne deine Frage, die ich anonymisiert beantworte, unter: leonie@reisezumbewusstsein.de

In Liebe Leonie


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