Wie gehe ich mit Wut um?

Heutzutage gibt es wohl genug Gründe, in Wut aufzugehen. Aber hilft das? Hilft Hass auf die Menschen, die andere Menschen umbrachten? Nein. Solange ich im Hass hängen bleibe, wird er immer und immer wieder angefacht. Dann nehmen Zerstörung und Krieg auf dieser Erde kein Ende.

Ich erlebte es vor vielen Jahren, dass mich eine Person plötzlich laut anschrie und unter der Gürtellinie beschimpfte. Nichts von ihren Vorwürfen war real, doch sie hatte sich ihre Realität aus ihren Vorurteilen gebildet. Ich schrie zurück. Doch es hatte keinen Effekt. Mein Mann redete auf sie ein, doch sie war nicht zu stoppen. Neben uns saß unsere zweijährige Tochter, die nicht verstand, was hier gerade los war. Ich schnappte sie und ging mit ihr um die Ecke. Alles in mir schrie. Ich wollte nur noch weg und meine Tochter in Sicherheit bringen.

Doch dann entschied ich mich anders. Ich ging zurück, drückte meinem Mann unsere Tochter in den Arm. Und dann ging ich zu der schreienden Person – und umarmte sie.

Und als hätte ich in diesem Moment eine Mauer eingerissen, brach sie in Tränen aus und entschuldigte sich unendlich.

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Was war geschehen? Warum veränderte sich plötzlich die Situation?

Wenn wir verletzt werden, ist die Verlockung groß, den anderen ebenso zu verletzen. Es ist der Moment, in dem wir unbewusst entscheiden, in die Rolle des gekränkten Kindes zu gehen. Sobald wir schreien, können wir nicht mehr erwachsen handeln. Einer übernimmt die Elternrolle, der andere geht in die Kindrolle. Vielleicht wechseln sie sich auch ab oder wir sehen einfach nur zwei Kinder, wie sie sich gegenseitig anschreien und die Schaufel wegnehmen. Mit dem Unterschied, dass es keine Kinder sind, sondern 30-, 40- oder 60-jährige.

Ich blieb also bewusst erwachsen und ließ mich nicht in eine Kindrolle drücken. Ich schenkte der Person meine bedingungslose Liebe, unabhängig von ihren Worten und Taten.

Es war eine unglaublich lehrreiche Erfahrung für mich. Ich hatte erlebt, wie paradox äußere Verhaltensweisen und das innere Bedürfnis sind und dass ich unabhängig von allen äußeren Umständen durch Bewusstsein in meiner Kraft bleiben und etwas heilen kann. Welch ein Geschenk!

Als Kinder sind wir der Wut hilflos ausgeliefert und können nur mit Trotz, Schreien, Schlagen oder kompletter Distanzierung darauf reagieren.

Das Problem ist nun, dass die meisten Menschen in diesem kindlichen Zustand steckengeblieben sind. Wir bleiben in diesem Muster stecken, wenn wir als Kind ungefähr bis zum fünften Lebensjahr unglaublichen Schmerz in Verbindung mit unseren Eltern erlebten. Eine Situation, in der wir uns als Kind verlassen fühlten und nicht durch eigene Kraft zu unseren Eltern gelangen konnten oder gefühlt(!) lebensbedrohlich von ihnen enttäuscht wurden. So ein Erlebnis beeinflusst unser Leben tief. Es kann dazu führen, dass wir im Leben nie Erfolg erleben oder diesen nie als Erfolg annehmen können. Ebenso verhindert es jede tiefe Beziehung. Denn tiefe Liebe macht uns nun Angst. Die Angst, verletzt zu werden, sitzt tief in unseren Knochen.

So eine Situation kann entstehen, wenn die Mutter plötzlich sehr krank wurde und ins Krankenhaus musste. Ich als Baby konnte aber nicht mitgehen. Es kann durch Trennung der Eltern entstehen. Ebenso durch gewalttätige Eltern. Oder auch durch das für frühere Generationen typische Schreienlassen des Kindes im Kinderbett. Es ist eine Situation, in der das Kind plötzlich aus Selbstschutz entscheidet, dass die Nähe zu den Eltern schmerzhafter ist, als alleine zu bleiben. Es ist ein Moment tiefster Enttäuschung und tiefsten Schmerzes. Denn für ein Kind bedeutet diese Entscheidung evolutionär betrachtet den Tod. Körperlich fühlt es sich an, als würde etwas in ihm sterben. Dieses Erlebnis wird daraufhin tief im Gedächtnis vergraben, um überhaupt noch weiterleben zu können. Zurückbleibt ein verkapselter Schmerzkörper. Zugleich wendet sich das Kind von da an von den Eltern ab und kann nicht mehr auf sie zugehen. Und so wie es nicht mehr auf die Eltern zugehen kann, kann es auch als Erwachsener nicht mehr auf sein Leben zugehen. Dieser Mensch wiederholt das Muster sein gesamtes Leben lang. Sein Unterbewusstsein steuert ihn wieder und wieder an diesen Punkt in seiner Entwicklung.

Nun haben wir zwei Möglichkeiten. Entweder es gelingt uns, diese erste Erfahrung in der Kindheit herauszufinden und aufzulösen. 

Oder es gelingt uns, in der nächsten Situation, in der wir für gewöhnlich wütend und trotzig reagieren, unser Bewusstsein anzuschalten und auf den anderen zuzugehen, statt wegzulaufen.

Das erfordert unglaubliche Stärke. Es ist die Überwindung eines ergreifenden Gefühls, das jeder Zelle unseres Körpers sagt: renn weg! Doch wenn ich meine Bewusstwerdung wähle, dann bleibe ich allen Signalen zum Trotz stehen, drehe mich um und nehme diese Person in den Arm.

Das ist die Bewegung der Liebe und der Vergebung. In diesem Moment springe ich über meinen Schmerz. Ich überwinde den Schmerz, den ich als kleines Kind erlebte. Und ich überwinde den Schmerz, akut von dieser Person verletzt worden zu sein. Ich vergebe ihr automatisch, denn nur dann kann ich sie in den Arm nehmen. Und wenn ich dann merke, dass auch sie so menschlich, so fehlbar und so emotional gesteuert ist wie ich, fällt mir die bewusste Vergebung ganz leicht. In der körperlichen Nähe erkenne ich wieder unsere Gleichwertigkeit. Unser Menschsein.

Ich nutze die Mechanismen meines Körpers, um im Hier und Jetzt etwas in mir zu heilen.

Und jetzt begreife ich auch, warum jede schwierige Situation ein unglaubliches Geschenk für mein Leben ist. Jede dieser Situationen bietet mir die Chance, daran zu wachsen und noch bewusster zu werden.

Ich kann also entweder in meiner Vergangenheit zurückgehen und forschen, was für gewöhnlich etwas länger dauert. Oder ich steuere meinen Körper und meinen Verstand bewusst, seine Konditionierungen zu durchbrechen, und transformiere sie in umgekehrter Reihenfolge. Ich ändere also erst mein Verhalten und daraufhin ändert sich meine Haltung gegenüber der damaligen Situation als Kind.

Beide Varianten bringen mir immenses inneres Wachstum, weil ich plötzlich wählen kann, wie ich reagieren möchte. Vorher war es nur das Abspulen eines gelernten Verhaltens. Es gab keine Wahlmöglichkeit. Rationales Verhalten war nicht möglich, weil mein Unterbewusstsein mich immer auf das erwartete Ergebnis der Unzufriedenheit gesteuert hat.

Ich rufe mir also ins Bewusstsein:

Keiner zwingt mich, wütend zu reagieren. Es sind die gelernten Konditionierungen, die ich abspule, wenn ich plötzlich jemanden wütend anschreie oder meine Wut runterschlucke und mich distanziere. 

Stattdessen halte ich nun inne. Ich erlaube mir, einen kurzen Moment abzuwarten und die aufkommende Wut zu spüren. Ich stelle mir vor, ich stünde direkt neben mir und würde mir dabei zuschauen. Was passiert? 

In diesem Moment zerplatzt die Konditionierung. Ich verändere sie nicht, aber ich erlebe, dass ICH nicht die Wut bin. Dass ich jenseits davon existiere. Es ist wie eine Jacke, die ich immer trug. Und auf einmal bemerke ich, dass ich sie ausziehen kann.

Dann bin ich wirklich frei. Dann wähle ich bewusst mein Verhalten.

Erst durch Bewusstsein ist rationales Handeln möglich.

Wut und Hass können uns nur einnehmen, wenn wir unbewusste Kinder bleiben und noch nicht von der inneren Stärke der Liebe erfüllt sind.

Wut ist der Ausdruck von Gewalt. Wo Wut ist, ist kein Platz für die Liebe. Ich werde blind vor Wut. Dieses Gefühl speichert sich tief in meinem Körper und löst Schmerzen oder Erkrankungen aus.

Wut und Hass sind die Fesseln meiner Seele. Und viele Menschen leben ihr ganzes Leben auf diese Weise gefesselt. Wenn wir nie lernen, dass wir uns von den Gefühlen bewusst befreien können, dass wir sie also steuern können, bleiben wir immer im kindlichen, unbewussten Zustand gefangen und überlassen den Gefühlen das Kommando. Doch wenn wir es schaffen, in nur einer einzigen Situation das Muster zu durchbrechen, befreien wir uns aus dem Gefängnis, das wir selbst bauten. Dann scheinen erste Lichtstrahlen durch das Loch in der Mauer.

Wie gelingt es mir nun, in solch einer Situation das Bewusstsein zu entwickeln, mein Verhaltensmuster zu erkennen und zu durchbrechen?

Am besten bereite ich mich innerlich vor, indem ich regelmäßig übe, mich auf meine Mitte zu konzentrieren. Dazu setze ich mich gemütlich hin, schließe die Augen, blicke nach innen und sage den Satz: „Ich gehe tief in meine Mitte.“ Ich wiederhole diesen Satz innerlich, so oft ich es brauche. Mein Atem beruhigt sich, mein Fokus geht nach innen. Und dann stelle ich mir vor, dass ich von der Energie der Liebe erfüllt werde. Sie durchdringt jede Zelle meines Körpers. Und sollte sich etwas in meinem Körper melden, das schmerzt oder mich davon abhalten will, dann schaue ich es innerlich an und sage: „Ich sehe dich. Jetzt darfst du weiterziehen.“ Und so lasse ich es vorbeiziehen.

Das ist unser Grundzustand. Gerate ich in eine Situation, in der ich aus meiner Mitte gezogen werde, kann ich es nun viel bewusster wahrnehmen, denn es fällt uns leichter, große Unterschiede festzustellen. Das ist der erste Schritt zur Erkenntnis. 

Der zweite Schritt findet in der Situation selbst statt. Ein Streit entwickelt sich oder ein Thema macht mich unglaublich wütend. Ich spüre, wie die Wut in mir hochsteigt. Wenn sich das Gefühl sehr stark anfühlt, gehe ich möglichst in einen geschützten Raum und schreie in ein Kissen. Danach setze ich mich hin und stelle mir vor, ich könnte mich nun neben mich selbst setzen. Ich sehe mich selbst von außen. Ich sehe, wie ich dort mit geschlossenen Augen sitze. Und dann beobachte ich. Ich sehe, wie mich die Wut einnimmt, wie sich mein Gesicht verzieht oder ich die Fäuste balle. Ich beobachte genau. 

Und wenn ich den nötigen Abstand zum Gefühl habe, kehre ich zurück und lasse nun die Energie der Liebe in mir fließen.

Jetzt kann ich die Augen öffnen, hinausgehen und die Person in den Arm nehmen.

In dieser fokussierten Haltung erkenne ich plötzlich, dass jeder Streit nur der schlechte Versuch ist, mit dem anderen in Verbindung zu bleiben, weil wir nicht gelernt haben, eine Verbindung in Liebe zu halten. Streit, Vorwürfe und Hass sind nur Ausdruck eines inneren Dialogs mit mir selbst und haben nichts mit dem Anderen zu tun. Der Andere ist nur der äußere Auslöser, der diese Gedanken und Gefühle in mir aktiviert. Doch was nicht da ist, das kann auch nicht aktiviert werden. Wenn ich in der Haltung der Liebe bleibe, verpuffen alle Vorwürfe, jede Kritik und jeder Wutausbruch. Sie perlen an mir ab wie Wassertropfen von einem Lotusblatt. Jetzt bin ich innerlich stark und kann in Liebe auf den anderen zugehen, egal wie groß seine Wut ist.

Um diese Kraft zu entwickeln, muss ich üben, die Liebe in mir selbst zu entfalten, unabhängig von einem Partner, von meiner Kindheit oder meiner Umgebung. Diese Liebe steht jedem zur Verfügung. Es ist erstmal nur Übung. So wie regelmäßiges Joggen oder Meditieren. Wenn ich es nun häufiger übe, in die innere Liebe einzutauchen, werde ich feststellen, dass mir regelmäßig Impulse geschenkt werden, die mich zu einem neuen Thema führen, das ich anschauen sollte. In dieser Haltung öffne ich meinen Blick dafür, diese Hinweise ganz von allein zu erhalten. Vielleicht werde ich plötzlich an eine Situation in meiner Kindheit erinnert. Vielleicht erkenne ich plötzlich einen größeren Zusammenhang. Vielleicht spüre ich plötzlich meine Individualität und Unabhängigkeit von allen äußeren Faktoren.

Dann nehme ich dieses Gefühl und durchlebe es mit allem, was kommt. Vielleicht weine ich einen ganzen Tag. Vielleicht schreie ich einen ganzen Tag in ein Kissen. Vielleicht rufe ich meine Mutter begeistert an und erzähle ihr von meiner Erkenntnis. Was auch immer kommt, ich durchlebe es tief. Danach werde ich wie neugeboren daraus hervorgehen.

Ich fasse noch einmal alles zusammen:

Wut ist immer ein Hinweis auf ein Thema, das ich noch nicht gelöst habe. Daher ist jeder Mensch und jede Situation, die mich in dieses Gefühl bringen, ein großes Geschenk, weil es mir die Chance bietet, den Schmerz zu überwinden und ein vollkommen neues Verhalten zu lernen.

Die Wut kann mich nur steuern, wenn ich hier noch einen blinden Fleck habe und daher in einem unbewussten, kindlichen Zustand stecke. Dieses Muster entwickle ich in frühster Kindheit, wenn ich tiefen Schmerz in Verbindung mit meinen Eltern erlebte.

Solange ich diesen Schmerzkörper nicht bearbeite, reicht ein Auslöser, um mich aus der Bahn zu werfen. Das darauf folgende Verhalten kann ich dann nicht mehr steuern und verletze schlimmstenfalls andere Menschen unwiderruflich oder schlucke es runter und werde krank. 

Um mich aus dem Teufelskreis dieses Gefühls zu lösen, kann ich Folgendes tun:

  1. Ich übe regelmäßig, ganz in meine Mitte zu gehen. Dazu suche ich mir einen ruhigen Platz und fokussiere mich auf meine Mitte. Auch wenn ich nicht ganz genau weiß, was und wo das ist.
  2. Ich übe regelmäßig, mich aus mir selbst heraus von der Energie der Liebe zu erfüllen. Auch wenn ich diese Energie nicht genau definieren kann.
  3. Ich gehe auf die Suche nach Erlebnissen in der Kindheit, in denen ich mich alleingelassen, hilflos oder große Angst fühlte. Eine Situation, die mir noch heute wehtut, wenn ich daran denke. Diese schaue ich mit einer kompetenten Person an, erforsche die Hintergründe und löse sie auf.
  4. Ich nutze jede Situation, in der ich Wut spüre, um vollkommen neu mit diesem Gefühl umzugehen. Wenn ich merke, dass ich wütend werde, halte ich einen Moment inne, gehe vielleicht in einen Nebenraum, um in ein Kissen zu schreien, fokussiere mich auf meine Mitte und stelle mir vor, dass die Wut einfach wegfliegt, bis ich merke, dass sich mein Herzschlag beruhigt. Dann gehe ich zurück, bleibe im Gefühl der Liebe und folge dem Impuls, der dann kommt. Vielleicht umarme ich einen Menschen. Vielleicht lache ich laut. Vielleicht schaue ich einfach nur gelassen den anderen Streitenden zu.

Wo wir Wut, Aggressionen, Hass, Angst oder Trauer spüren, liegen unsere größten Wachstumschancen, wenn wir uns ihnen stellen und sie in Liebe transformieren.

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